Syndicate
11.03.2006 Standespolitik - Sinn und Unsinn des KVG
KOSTENEXPLOSION IM GESUNDHEITSWESEN - DIE SCHWARZEN SCHAFE WO SIND SIE GEBLIEBEN?
Fast könnte man meinen: Alle Jahre wieder. Pünktlich zur Bekanntgabe der kommenden Prämienerhöhungen der Krankenkassen ist die Aktualität der Gesundheitskosten wieder enorm gestiegen.
Diesem wird nicht nun in der Tagespresse sondern natürlich auch in Radio und Fernsehen Umstand getragen. Dabei wird in gewohnter Weise der schwarze Peter hin und her geschoben. Es wird nach Schuldigen gesucht und diese werden zum Teil auch sehr schnell hüben und drüben gefunden. Dass es aber dabei keine eigentliche Einzelschuldige gibt, sondern dass man gesamthaft gerade zu von einer „Kollektivschuld“ sprechen müsste, wird meist nicht gesehen.
36 Milliarden sFr werden im schweizerischen Gesundheitswesen ausgelegt. Daran sind beteiligt sind ca. 12000 Ärzte mit eigener Praxis, 272000 Beschäftigte im gesamten Gesundheitswesen (Gesundheitsarbeiter), beziehungsweise 80000 Spitalbetten. Rechnet man jeden Gesundheitsarbeiter zu 100’000 sFr. Lohnkosten p.a. so hätte man hier Gesamtlohnkosten von sFr. 27’200’000’000 zu gewärtigen. Schon hieran ist klar zu sehen wo die Wertschöpfung im Gesundheitsbereich hingeht, nämlich in die Löhne.
Eine markanteReduktion m der Gesamtkosten ist also nur mit Personalabbau zu erreichen. Pikantes Rechendetail zu den Arzthonoraren: zieht man jedem der Gesundheitsarbeiter von diesen fiktiven 100’000 sFr 12’000 sFr ab (=88'000 sFr Bruttosalär) und verteilt man dieses Geld auf die Praxen der 12000 Freipraktizierenden Ärzte so ergibt das für den durchschnittlichen Praktiker ein Einkommen von 348’000 sFr. (98'000 + 272'000). Wahrlich fürstlich - aber weit weg von den Realhonoraren die durchschnittlich ausgewiesen werden.
Faktoren:
Demographische Veränderungen:
Die Schweiz geht in den letzten Jahren zunehmend Richtung Überalterung. Mit anderen Worten, es gibt immer mehr Menschen in der Schweiz, welche während einer immer länger werdenden Lebensspanne einer zunehmend intensiven medizinischen Betreuung bedürfen. Dabei wird in der heutigen Zeit sehr viel von an sich nicht medizinischen Problemen (Sozialprobleme, Altersversorgung) über das medizinische System abgewickelt und diesem werden dann auch entsprechend die Mehrkosten auferlegt.
Generelle Begehrlichkeit, Machbarkeit:
Mit der heutigen, hoch entwickelten Medizin ist fast alles machbar. In einem Land, dass bisher nur Überschüsse gewohnt war, ist es deshalb schwierig, sowohl auf der Angebots- wie auch auf der Nachfrageseite plötzlich gewisse Einschränkungen durchzusetzen. Modelle die hier zentralistisch eine Rationierung oder Umverteilung durchführen möchten, werden aber nicht verhindern können, dass sich langfristig eine Zwei- bis Dreiklassenmedizin bilden wird. Das sogenannte „Kapital“ kann jederzeit sich die von ihm gewünschten Leistungen irgendwo zusammen kaufen, sei es im In- oder im Ausland (Herzzentrum Houston, Schönheitschirurgie in Brasilien). Damit hätten diese Modelle (Oregon-Modell als Beispiel) zur Erreichung eines vernünftigen und gerechten medizinischen Versorgungsgrades der gesamten Bevölkerung versagt.
Leere Staatskassen:
Der Staat oder in der Schweiz vielmehr die Staaten (Kantone, Bund) stehen zumeist vor dem Desaster von leeren Haushaltskassen, die während jahrzehntelanger sträflicher Haushaltsführung (Eine Hausfrau/Hausfrau die/der so Haushalt betreibt wird innerhalb kürzester Zeit in den Privatkonkurs getrieben bzw. zu einem Sozialfall). Um hier ein bisschen Druck wegzunehmen hat man sich dazu entschlossen, die Gesundheitskosten unter einer angeblichen Marktöffnung nun linear und somit auch gerechter zu berechnen sprich die Staatsbeiträge zu kürzen, die Spitaltarife zu heben und somit die anfallenden Kosten umzuwälzen.
Es ist korrekt, dass endlich die anfallenden Kosten durch die Benützer bezahlt werden, welche sie auch verursachen. Somit ist endlich auch eine faire Kosten-Nutzen Rechnung und somit auch ein Vergleich zwischen öffentlichen und privaten Spitäler möglich Was hier allerdings störend wirkt und bisher noch von niemandem in die „Arena“ geworfen worden ist, ist dass sich diese Minderbelastung des Staates zwingend auf der anderen Seiten mit einer verminderten Steuerbelastung auswirken müsste. Wo also bleibt dieses ersparte Geld ???
Hier ist für die untersten Einkommen, welche nun durch den Teuerungsschub auf Seiten Krankenversicherung sicher in einen Engpass kommen, eine gute Möglichkeit eine gewisse Entlastung zu gewähren und mit Hilfe dieses Geldes im Sinne einer Rückzahlung umgekehrt progressiv. Hier scheint der Staat - wen wundert es - einmal mehr einen klammheimlichen Beutezug auf die Lohnsäcklein der Bürger dieses Landes durchzuführen. Der Ruf von der linken Seite nach einer vermehrten Belastung der mittleren und hohen Einkommen über Krankenkassenbeiträge (Franchisenmodelle, Solidaritätszuschläge usw.) zu Gunsten der tieferen Einkommen ist ein erneuter Appell zusätzlich an eine bis jetzt schon recht stark strapazierte Solidarität Geld umzuverteilen und als zwängerisch und kontraproduktiv für den Leistungsgedanken anzusehen..
Immer muss dabei daran gedacht werden, dass das "Kapital" im wahrsten Sinne des Wortes liquid ist und dahin fliesst wo es die besten Bedingungen findet (Dies zeigen die vielen Umzüge in Billigsteuerkantone)
Spitalplanung:
Es sollte endlich aufgeräumt werden mit den kantonalen Spitalplanungen. Grundsätzlich haben die Kantone sämtliche Subventionen an alle ihre Spitäler zu streichen. Damit würden sämtliche Spitäler gezwungen, wirtschaftlich zu agieren (vergleiche Tagesanzeiger Wochenendausgabe vom 12/13.10.96 Seite 19). Damit liegt es dann an den einzelnen Agglomerationen ob und in wie weit diese Gemeinden ihre Spitäler weiter tragen oder subventionieren wollen oder ob sogar ein privater Anbieter gesucht werden soll oder ob man die Spital,- und Gesundheitsleistungen von auswärts her einkauft. Im Weiteren sei dabei beachtet, dass das Bettenangebot vor allem in den zentralen Einheiten (Universitätskliniken, A1-Kliniken) häufig künstlich hochgehalten wird und wenn nicht schon über die Aerzte in der Praxis, dann mindesten bezüglich Patientenbelegung durch die eigenen Polikliniken missbräuchlich geäufnet werden (Bettenbelegung).
Im weiteren wird es in Zukunft nötig sein, zwischen notwendiger Medizin und wünschbarer Hotellerie im Spital zu unterscheiden. Die einzelnen Teile welche eine Spitalgesamtbetreuung ausmachen, sollten modulartig durch den Patienten eingekauft werden können. Zum Beispiel Einerzimmmer aber Betreuung durch den Assistenz bzw. Oberarzt (=Medizin allgemein, Hotellerie Einerprivat), oder 4-er Zimmer und Betreuung durch den Chefarzt (=Medizin Privatpatient, Hotellerie allgemein).
Versteckte Subventionierung der Erziehungsdirektionen durch die Gesundheitsdirektionen der Hochschulkantone:
Keine getrennte Abrechnung von Leistungen des Gesundheitswesen (Durchführung Studentenausbildung, Rekrutierung Patienten, Durchführung von Grundlagenforschungsprojekten, Durchführung von Prüfungen, Fakultätssitzungen usw.). Hier werden die meisten Kosten noch über die Spitalrechnung abgerechnet.
Falsches Anreizsystem in der Praxis:
Derjenige Allgemein- oder Spezialarzt, welcher bisher kostengünstig produziert, verdient am wenigsten. Eben so sehr wie derjenige Kollege, welcher eine grössere Risikobereitschaft an den Tag legt und somit eine grössere Verantwortung auf sich nimmt ebenso bestraft wird. Eine gute klinische Ausbildung macht sich hier in der Regel nicht bezahlt. Gut verdient, wenn möglichst breit Abgeklärt („Wenn Sie sicher sein wollen....“) wird. Das klinische Auge (die ärztliche Kunst) zählt und zahlt leider immer noch nichts.
Versicherungsanreize durch die HMO:
Die Idee der HMO an sich ist gut. Hier müssten allerdings für die Mitarbeiter im ärztlichen Sektor, welche bezüglich der medizinischen Patientenbetreuung Entscheidungsträger sind auch gewisse positive Anreize geschaffen werden. So könnte hier der Anreiz eines "Wohlbefindungsindex", welcher sich aus mehreren Faktoren zusammensetzt einen Lohnbonus für den betreuenden Arzt abgeben werden. Nur so wird es gelingen analog die besten Leute für eine solche kostengünstige Lösung zu gewinnen, ansonsten die HMO über kurz oder lang auf das Niveau von staatlichen Polikliniken zufoglge Desinteresses der Mitarbeiter abfallen werden.
Franchisenmodell:
Ein Obligatorium mit vorgeschriebener Franchisenhöhe ist falsch, hier kann nur ein fakultatives, gestaffeltes Franchisenmodel überhaupt etwas bringen. Dabei wäre im Gegenteil davon auszugehen, dass die tiefsten Einkommen sogar nur bis zu einer gewissen Francisenhöhe gehen dürften (häufig fehlen gerade diesen Einkommensklassen dann die entsprechenden Barmittel um bei einem Gesundheitsausfall diese Franchisendiferenz auf einen Schlag zu bezahlen).
Fehler vor denen zu warnen ist:
Aerztliche Seite:
Einbindung der Aerzte in ein staatliches System. Ohne wirtschaftlichen Anreize würde es in Zukunft nicht gelingen gute Leute für den entsprechenden medizinischen Beruf zu begeistern. Im Weiteren wird auch bei jetzt tätigen Medizinern zu einem grossen Teil die Motivation genommen werden sich weiterhin engagiert zu bewegen.
Kostenplafonierung nach dem deutschem Modell:
Dies führt unweigerlich zu einer Aufsplitterung der Aerzteschaft. Einerseits wird es dann Kassenärzte geben, welche auf der Jagd nach sogenannten Krankenscheinen sind, um sich ein möglichst grosses Stück aus dem gesamten, allerdings limitierten Kuchen abschneiden zu können. Daneben wird es vielleicht noch einzelne Privatversorger geben, welche keine Massenmedizin sondern privat abgegoltene Leistungen erbringen werden (hier wachsen die Bäume nicht in den Himmel, die Zufriedenheit des Kunden mit dem Preis/Leistungsverhältnis entscheidet letzendlich über die „Wiederwahl“ des Arztes). Wer diese privat angebotenen und abgegoltenen Leistungen beziehen und dann noch bezahlen kann, ist klar.
Zulassungsverbot für die ärztliche Praxis:
Ebenfalls eine schlechte Lösung. Hier gibt sich dann zunehmend Staus auf Niveau Kliniken. Die jungen Kollegen, welche mit dem Studium fertig sind, finden dort keine Anstellungen mehr. Allgemein macht sich eine grosse Frustration breit. Hier ist der Schritt in die richtige Richtung mit Limitierung des medizinischen Angebotes bereits auf Niveau der Universitäten zu machen, dies nicht durch einen Nummerus clausus sondern durch eine klare Bedarfsanalyse und entsprechende prozentuale Ausselektierung durch Vorprüfungen.
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